An der "Adria" bei Borna
Seit etwa 1200, so kann man es im Digitalen Historischen Ortsverzeichnis von Sachsen (http://hov.isgv.de) nachschlagen, sind viele Ortsnamen schon in einem Umwandlungsprozess begriffen. Ab dieser Zeit entstand auch die Mehrzahl unserer heutigen Familiennamen. Hinterlassenschaften der slawischen Sprache wurden eingedeutscht. Vielfach sind die Familiennamen auch auf slawische Ortsbezeichnungen zurückzuführen. Eine Auswahl der von 1549 bis 1600 im Bereich der Thomaskirche genannten Familiennamen sind: Abitzsch, Bachitzsch, Bartzsch, Beitzsch, Betzsch, Deutzsch, Doltzsch, Drambitzsch, Drawitzsch, Fritzsch, Gentzsch, Gertzsch, Glintzsch, Göderitzsch, Gotteritzsch, Gotzsch, Groytzsch, Hermitzsch, Lummitzsch, Kaatzsch, Kautzsch, Kertzsch, Klotzsch, Kluntzsch, Kneitzsch, Koltzsch, Krutzsch, Kurtzsch, Metzsch, Muntzsch, Penitzsch, Petzsch, Reibitzsch, Reintzsch, Ritzsch, Roltzsch. Davon abweichend: Ditzschel, Erbwitzscher, Heintzsche, Hentzschell, Kreitzschmer, Nitzschke, Petzschman, Pfretzschner. Sie haben alle das typische –tzsch-Element, wie es auch heute noch bei Ortsnamen wie „Delitzsch“ erhalten ist. Für die –tzsch-Endung gab es auch die Varianten mit dem –e-Anhang, zum Beispiel „Fritzsch-e“, „Gentzsch-e“ und „Petzsch-e“. Familiennamen mit einer –itz-Endung sind: Apitz, Colitz, Ditz, Drobitz, Ganitz, Gedritz, Geschwitz, Gölitz, Göritz, Gorlitz, Gotteritz, Gottewitz, Greinitz, Grubitz, Holwitz, Jenitz, Kabitz, Kemnitz, Kolitz, Kornitz, Kreunitz, Küritz, Leschwitz, Leubenitz, Lungwitz, Meltewitz, Merslitz, Pelitz, Planitz, Quelmitz, Rabitz, Rimitz, Rochlitz, Schepperitz, Söpperitz, Wadewitz, Wolckwitz. Davon abweichend: Bockwytz (alte Schreibweise), Lemnitzer. Um die Bedeutung dieser Familiennamen zu erklären, muss man einer slawischen Sprache mächtig sein. Neben besagten Ableitungen von Ortsnamen sind gewiss auch Berufsbezeichnungen und andere Synonyme zu finden.
Bekannte Ansichten von Leipzig
Kehren wir nun dem Mittelalter den Rücken, und wenden uns den frühesten Trauungsbüchern von St. Thomas zu Leipzig zu, die im Jahre 1549 beginnen. Eine Besonderheit ist hier bei einigen Einträgen die fehlende Unterscheidbarkeit zwischen Familiennamen und Herkunft. Es finden sich Namen wie: Adelheytt von Pommeln, Maria von Dölen, Caspar von Arnshausen, Hans von der Aue oder Thomas von Ende. Die Schwierigkeit ist hier zu erkennen, ob etwa die erstgenannte Adelheytt „von Pommeln“ kam, „von Pommeln“ oder nur „Pommeln“ hieß. Während bei den übrigen Personen die Einträge lauten wie „Melchior Fischer von Kemnitz“, ist hier kein weiterer Name notiert. Handelt es sich bei diesen Personen gar um Adlige? Wie ich in der Vergangenheit bei Durchsichten von älteren Kirchenbüchern schon festgestellt habe, ist es nicht ungewöhnlich, wenn beispielsweise bei Taufen der Familienname der Frau nicht eingetragen ist: „Anna Folhartin Simon folharts tochter ist getaufft Den 30 Marcij.“ (Taufbuch Pegau 1558). Oder: „Den 29. Sept. hat Johann Andreas Pezold, Innwohner und Häußler in Prödel und sein Weib Christina, einen Sohn tauffen, und Johann Gottfried nennen laßen.“ (Taufbuch Prödel im Pfarramt Markkleeberg-West, 1743). Bei Männern ist es jedoch selten, dass der Familienname nicht klar ersichtlich ist. Ein Hans von der Aue könnte wohl von der Stadt „Aue“ stammen. Aber ein Thomas von Ende? Eigentlich war die Namensbildung im 16. Jahrhundert schon ausgereift.
Leipziger Markt mit Altem Rathaus
An dieser Stelle lässt sich nochmals ein Blick in die Anfangszeit werfen, als die ersten Belege bei Bürgern normalen Standes auftauchen. Dazu passend seien zwei Beispiele außerhalb Leipzigs aufgeführt. Einer der prominentesten frühen Namensvertreter ist sicherlich der mittelalterliche Minnesänger Walther von der Vogelweide. Er wurde um 1170 an einem unbekannten Ort, wahrscheinlich in Österreich geboren und starb 1230. Sein Name deutet darauf hin, dass er oder vielleicht gar schon sein Vater „von der Vogelweide“, also von einem Ort namens Vogelweide stammt. Da es im gesamten deutschsprachigen Raum keinen einzigen Eintrag zu einer entsprechenden Ortschaft gibt, könnte es sich um einen Flurnamen oder auch um eine Ortschaft handeln, die es heute nicht mehr gibt. Eine, die von den Bewohnern verlassen wurde und danach wüst lag. Oder eine, die sich in einem früher deutschsprachigen Gebiet befand, wie es sie etwa im Trentino und in Venetien gab, und wo die Bewohner und damit auch der Ortsname irgendwann italianisiert wurden.
Walther von der Vogelweide
Ein weiteres Beispiel früher Namensnennung stammt aus Mühlhausen in Thüringen. Dort lebte ein Bürger namens Heinrich Steinbach, der von 1296 bis 1328 Ratsherr war. Steinbach könnte von einem steinigen Bach herrühren, oder auch von einer Ortschaft. Letztere ist allerdings in der Umgebung von Mühlhausen nicht auffindbar. Heinrich war verheiratet mit Mechthild Baldebert, die Tochter von Johann Baldebert war. Dieser muss errechnet um 1250 geboren sein. Baldebert könnte wiederum dessen Vater oder einer seiner Vorfahren geheißen haben, denn dies ist ein altdeutscher Vorname. Heute gibt es den Familiennamen nicht mehr. Durch die Heirat erlosch er in dieser Linie sowieso.
Mauerreste aus dem alten Leipzig am Brühl
Was an diesem Beispiel ersichtlich sein dürfte, ist dass die Menschen bis zu einem gewissen Zeitraum immer nur einen Namen trugen. Im Dorf kannte man sich, und wusste sich zu unterscheiden. Zog aber jemand fort, war es wichtig, diesen zu erkennen. Dann war es der von Schwaben, von Hessen, von Bayern oder von Böhmen. So entstanden Namensvarianten wie Schwab, Hesse, Beyer oder Böhm. In manchen Fällen wurde der Familienname von einem Vornamen abgeleitet. Aus Conrad, oder dem „Gefolge des Conrad“, entstand der Cuntz, heute Kunze. Andere deuten auf Berufe hin, wie Kaufmann, Glöckner, Müller oder Becker. Eigenschaften wie Jung, Klug, Kraus, Stark, Kurz oder Lang spielten bei der Namensgebung eine Rolle. Auch Beziehungen flossen dabei mit ein: Vetter, Schwager oder Freund. Tiernamen, etwa Fuchs, Frosch und Hase oder von Vögeln wie Hahn, Geyer und Goldammer kommen ebenfalls gelegentlich vor. Der Fantasie waren im Mittelalter keine Grenzen gesetzt.










